Selig sind, die da Leid tragen
Ein  Requiem ist eine Fürbitte für die Toten, dazu da, die Schrecken der Apokalypse zu überwinden, den Glauben an die Auferstehung zu bekräftigen. Im romantischen 19. Jahrhundert aber kehrte der evangelische Johannes Brahms mit seinem Werk die Richtung um: Seine Musik ist für die Lebenden bestimmt, ist Trost. So bot das stark beklatschte Konzert der Münterkantorei unter Leitung von Friedemann Johannes Wieland eine überzeugende Dramaturgie: Denn es begann mit Franz Schuberts „Unvollendeter“, der h-Moll-Sinfonie, die so erschütternd-sehnsuchtsvoll die menschlichste Frage nach dem Sinn stellt – und die in aller Zerrissenheit anklopft ans Jenseits. Mit dem „Deutschen Requiem“, da hat Kantor Wieland recht, lässt sich danach die Seele gewissermaßen beruhigen.

In aller Unruhe und die Sechzehntelbewegung der Violinen sehr rasch vorwärtstreibend also die „Unvollendete“: Das Karlsruher Barockorchester saß auf der Bühne vor dem Hölzel-Altar, ein vertrauter Partner der Münsterkantorei – aber jetzt bei der Romantik? Das hatte ein bisschen Originalklangflair, ohne dass gleich ein konzises hisorisches Hörbild entstanden wäre. Eher inszenierte Wieland mit seinem Ensemble eine handfest dramatische Aufführung.
 

Dann der Brahms: „Selig sind, die da Leid tragen“, sang der Chor leise, beschwörend. (...) dann freilich gelang Wieland mit seinem Großaufgebot eine kompakte, volltönende Aufführung. Mit allzu drastischen Effekten spielte der Dirigent nicht, entfesselte im zweiten Satz „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ kein Höllen-Crescendo. Aber das hatte trotzdem Wirkung in der Pauluskirche. Besonders schön im Kirchenhall: Echo-Effekte im Piano oder das volkstümliche „Wie lieblich sind deine Wohnung, Herr Zebaoth“.

Das so wunderbare Brahms-Requiem ist ein gewaltiges, anspruchsvolles Werk:  Der Motettenchor (Frauen/Männerstimmen-Verhältnis: zwei zu eins) zeigte starke Präsenz, auch deutliche Textkultur. Diana Fischer gestaltete das Sopran-Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“ hell und solide, der Bariton Sebastian Noack sang mit durchaus heldischer Inbrunst. Viel Beifall für diese letzte  herb-schöne Erinnerung an die Vergänglichkeit vor dem Weihnachtstrubel.
Jürgen Kanold, Südwestpresse