Schwörkonzert 16.07.2016
Max Reger: Der Einsiedler,
Franz LIszt: Graner Messe, Robert Schumann: Nachtlied

Traumhafte Klänge beim Schwörkonzert

Dreimal Romantik im gotischen Münster. Beim Schwörkonzert erklangen Werke von Reger, Liszt und Schumann - gesungen von einem Riesenchor.
 

Der Schwörmontag ist das zentrale Fest der Stadtgesellschaft, dessen musikalisches Pendant ist das Schwörkonzert im Münster, in dieser mächtigen Bürgerkirche, das von der Münsterkantorei und deren Leiter ausgerichtet wird. Doch Friedemann Johannes Wieland, der seit 2010 der musikalische Chef der Kirche ist, hat diese Aufgabe schon länger sozialisiert, bereits vor Jahren das Philharmonische Orchester der Stadt eingebunden – und diesmal auch seine Kirchenmusik-Kollegen und deren Ensembles: die von Albrecht Schmid geleitete Wiblinger Kantorei und den von Oliver Scheffels geleiteten Petrus-Chor Neu-Ulm. Die hatten Sänger entsandt, die den Motettenchor der Münsterkantorei auf gewaltige 130 Stimmen wachsen ließ.

Die Kooperation der Chöre ist auch ein Ergebnis eines ehrgeizigen Projektes: Der ökumenische Kantorenkonvent Ulm und Neu-Ulm hat einen „Reger-Zyklus 2016“ organisiert, um das Werk des vor 100 Jahren gestorbenen Komponisten ins Bewusstsein eines großen Publikums zu rücken. Und der erste Programmpunkt des Schwörkonzertes war Teil dieses Zyklus’: Regers Orchesterlied „Der Einsiedler“. Das zeigte geradezu idealtypisch die Qualitäten dieses ebenso unmäßigen wie genialen Oberpfälzers, seine gewagte und  ausgefeilte Harmonik, seine schwebenden Klänge, seine Melodik, die die Spätromantik schon hinter sich lassend auf die Moderne verweist. Das klingt nicht nur komplex, das ist auch sehr schwierig aufzuführen, vor allem für ein Laienensemble wie dem erweiterten Motettenchor. Doch die Sängerinnen und Sänger meisterten das alles souverän, dynamisch fein abgestimmt, und auch in den Piano-Passagen wunderbar flächig den Solisten Sebastian Noack (Bariton) einbettend. Einfach traumhaft.

Als zentrales Werk hatte sich Münsterkantor Wieland Liszts „Graner Messe“ ausgesucht – wohl auch um den Riesen-Apparat zu nutzen, der ihm bei diesem Schwörkonzert zur Verfügung stand: ein repräsentatives Stück, das Liszt zur Einweihung der Graner (heute Esztergom) Kathedrale komponiert hatte. Liszt lässt da einiges auffahren, einen Chor, ein Solisten-Quartett, Bläser, Schlagzeug, Harfe und Orgel. Und die haben in diesem einstündigen Werk auch reichlich zu tun – vor allem die Vokalsolisten haben Gelegenheit, sich auszuzeichnen, was Julia Sophie Wagner mit ihrem wunderbar warm klingenden Sopran, Theresa Holzhauser mit ihrem expressiven Mezzo, André Khamasmie mit seinem brillanten Tenor und Sebastian Noack auch taten. Der Chor und das versierte Orchester waren ebenso stets auf dem Punkt, setzten die Affekte und Effekte Liszts akkurat um.

Das war staatstragend, virtuos gesetzt. Berühren kann dieses Werk aber kaum. Da werden Emotionen evoziert, aber nicht empfunden.

Ganz anders  Robert Schumanns „Nachtlied“. Dessen Vertonung des Hebbel-Gedichts ist die wunderbar schlüssige Umsetzung der Verse, die die Gefühlswelt eines Einschlafenden schildern, sein Bangen ebenso wie seinen Frieden. Auch hier wieder pure unangestrengte Klang, das gelassene und dennoch wohl artikulierte und dynamisch fein  abgezirkelte Miteinander des Chors, der Solisten und des Orchesters. Ein feiner friedlicher Ausklang des Schwörkonzertes, das vom Ulmer Publikum an diesem von schrecklichen Nachrichten geprägten Wochenende mit minutenlangem Applaus ausgiebig gefeiert wurde.

Helmut Pusch, Südwestpresse

Schwörkonzert:

Nachtromantik und üppiges Chor-Bankett

Musiker meistern die „Graner Messe“ von Franz Liszt mit Bravour
von Florian L. Arnold, Ausgburger Allgemeine

Die „Schwörkonzerte“ hatten immer musikalische Schwergewichte im Angebot – gerne wird man sich da zum Beispiel an die Bruckner-Aufführungen im Ulmer Münster erinnern. Auch das diesjährige Schwörkonzert als Bestandteil der „Reger“-Konzertreihe bot alles auf, um sich unvergessen zu machen.

Den größten Anteil daran dürfte wohl die Aufführung der enormen „Graner Messe“ von Franz Liszt sein, die mit der Wiblinger Kantorei (Einstudierung Albrecht Schmid), dem Petruschor Neu-Ulm (Einstudierung Oliver Scheffels), Motettenchor der Münsterkantorei und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm unter Leitung von Friedemann Johannes Wieland im Münster zur Aufführung kam. Als die klassizistische Basilika der Stadt Gran (ungarisch: Esztergom) entstand, erhielt Liszt 1855 vom Ungarischen Kardinalprimas den Auftrag, zur 1856 anstehenden Einweihung eine „Missa solemnis“ zu komponieren. Liszt, der das gleichnamige Werk Beethovens immer bewundert hatte, setzte seine Messe mit keineswegs sparsamen musikalischen Mitteln um: Orchester, großer Chor und Solisten, dazu eine kraftvolle Bläser- und Schlagzeugbesetzung einschließlich Tamtam sowie Harfe und Orgel. Die Graner Festmesse mit ihrem Klang zwischen geistlichem Werk und pathetischer Staatsmusik sei, so sagte Liszt selbst, weniger komponiert als vielmehr „gebetet worden“. Das „Kyrie“ leitet ein, ein sich immer weiter steigernder Hymnus, nach dem eine weitere dramaturgische Verbreiterung der Messe kaum denkbar erscheint. Und doch: Das folgende „Gloria“ wie auch das „Credo“ übertrafen den Glanz des an sich schon opulenten Kyrie.

Großartig gespielt vom Orchester, mit imponierend eingesetzter Bläserriege, die an Bläserchoräle erinnerten, aber auch die mal im Duett, mal als Quartett agierenden Gesangssolisten Julia Sophie Wagner (Sopran), Theresa Holzhauser (Mezzosopran), Andre Khamasmie (Tenor) und Sebastian Noack (Bariton) wussten die Präsenz des Werks noch zu steigern. Nur ein Beispiel: Wie sich aus dem opulentesten Orchester- und Chorklang dann gegen Ende des „Credo“ auf einmal mit brillanter Sicherheit ein intimer, klangschöner Augenblick entfaltet, an dem allein diesen vier Sängern der ganze (Klang-)Raum gehört, das war großartig musiziert. Den warmen, opulenten und als großen Bogen gespielten Klang dieser Messe verstanden alle Mitwirkenden unter Wielands Dirigat bis zum anrührenden und fast schon bescheidenen Finale im „Agnus Dei“ durchzuhalten. Diesen weiten Bogen zu spannen verdiente großen Applaus.

Begonnen hatte der Abend wesentlich bescheidener und inniger: Max Regers „Einsiedler“ nach einem Gedicht von Friedrich Hebbel entrückte mit Bariton Sebastian Noack in eine ferne waldromantische Gegenwelt. Die Qualität der Ausführenden machte sich darin hörbar, dass die subtilen, wehmütigen, nur selten von Steigerungen durchbrochenen Klangflächen Regers mit hoher Klarheit und Differenzierung gestaltet wurden.

Und auch Schumanns entrücktes „Nachtlied“ mit seinem großbogigen, schmerzlichen Klangzauber wird als besänftigende Klammer nach der Liszt’schen Üppigkeit zu einer Wanderung durch somnambules Naturerleben voller Lichter und Sterne, umfangen von Dunkelheit. Auch hier gelang die schöne Balance von Chorstimmen und Orchesterfarben, auch hier wurde der poetischen Musik Platz zum Atmen gelassen. Begeisterte Ovationen dankten den Musikern für ihre Interpretationen.